Lebensspuren

Nicht immer nach Plan.
Aber immer mein Leben.

Erfahrungen. Entscheidungen. Umwege. Leidenschaften.

Manche Erfahrungen sucht man sich aus. Andere hätte man sich gerne erspart. Und wieder andere erkennt man erst im Rückblick als entscheidende Wendepunkte.

In meinem Leben gab es von allem etwas: Entscheidungen gegen vermeintliche Sicherheiten, berufliche Erfolge und Rückschläge, Begegnungen, die Spuren hinterlassen haben, und Leidenschaften, die mich bis heute begleiten.

Hier erzähle ich von einigen dieser Lebensspuren. Nicht, weil mein Leben außergewöhnlicher wäre als das anderer Menschen. Sondern weil Erfahrungen erst dann wirklich interessant werden, wenn wir uns fragen, was wir aus ihnen gemacht haben.

Ein Leben. Viele Erfahrungen. Eine Haltung.

Ehrenamt & Engagement

Foto: Rudolf Meindl I Deutsche Meister Hauptgruppe S-Standard 2019
v.l.n.r: Rudolf Meindl, (ehem. Präsident LTVB), Anton Skuratov, Alona Uehlin
; Weltmeister, Europameister
  • Über 12 Jahre aktive Jugendarbeit in der katholischen Kirche, St. Sebastian München-Schwabing: vom Ministranten über Oberministrant und Pfarrjugendführer bis zum Mitglied der Kirchenverwaltung
  • 4 Jahre Vizepräsident Deutscher Tanzsportverband
  • Seit Oktober 2026 Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Tanzsportverbandes e. V. (DTV)
  • 25 Jahre Präsidiumsmitglied, davon 13 Jahre Präsident des Landes-Tanzsportverband Bayern e.V., seit 2020 Ehrenpräsident

Was mich das Leben gelehrt hat – und meine Antwort darauf

Warum ich meine Erfahrungen teile

Als ich mit 35 Jahren darüber nachdachte, meine sichere Beamtenlaufbahn aufzugeben und beruflich einen völlig neuen Weg einzuschlagen, hatte ich erhebliche Zweifel. Ein externer Berater, mit dem ich damals als Leiter der Personalentwicklung zusammenarbeitete, machte mir Mut. Er traute mir zu, meinen Weg zu finden, auch wenn ich noch nicht wissen konnte, welchen Menschen ich begegnen und welche Möglichkeiten sich eröffnen würden.
Er hat recht behalten. Seine Ermutigung habe ich nie vergessen.

Heute möchte ich etwas davon weitergeben. Nicht, weil ich mein Privatleben öffentlich machen möchte, sondern weil ich anderen Menschen Mut machen möchte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht können meine Erfahrungen dazu beitragen, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten erkennen und den Mut finden, etwas daraus zu machen.

Was wäre aus mir geworden, wenn man mich gelassen hätte?

Schon als Kind hatte ich künstlerische Interessen. Mit zehn Jahren schrieb ich ein Theaterstück für Kinder. Ich wollte Gitarre und Klavier lernen, singen und später Psychologie studieren.
Doch mein Vater hatte andere Vorstellungen. Für Musikunterricht war kein Geld da. Das Gymnasium kam nicht infrage, die Mittlere Reife müsse reichen. Und statt Psychologie sollte ich einen „ordentlichen Beruf“ ergreifen, mit dem sich eine Familie ernähren ließe.
Damals wurde man erst mit 21 Jahren volljährig. Mein Vater bestand darauf, bis dahin die wesentlichen Entscheidungen für mich zu treffen.
Ich hätte mein weiteres Leben damit verbringen können, darüber nachzudenken, was aus mir geworden wäre, wenn ich andere Möglichkeiten gehabt hätte.
Aber wozu?
Vielleicht wäre ich Musiker geworden. Vielleicht Psychologe. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ob dieses andere Leben tatsächlich besser gewesen wäre, weiß ich nicht. Und ich werde es nie erfahren.Stattdessen habe ich später Gitarre gelernt, eine Gesangsausbildung absolviert und schließlich die Individualpsychologie zu meinem Beruf gemacht. Und heute, mit 77 Jahren, beginne ich noch einmal etwas Neues: Ich lerne seit einem Jahr Klavier.
Nicht, um Konzertpianist zu werden. Sondern weil mir Musik Freude macht.

Entscheidend ist für mich nicht, was aus mir hätte werden können, sondern was ich aus meinem Leben mache.

Als ich meine Sicherheit aufgab

Mit 35 Jahren war ich beruflich erfolgreich, Beamter auf Lebenszeit und hatte eine sichere Zukunft vor mir.
Trotzdem kündigte ich.
Ich wollte nicht länger einem beruflichen Weg folgen, der zwar erfolgreich war, aber nicht dem entsprach, was mir wirklich wichtig war.
Ich investierte viel Geld und Zeit in meine individualpsychologische Ausbildung und begann beruflich noch einmal von vorne. Ohne Erfolgsgarantie.
Wenige Jahre später, 1990, verlor ich durch die wirtschaftlichen Veränderungen nach der deutschen Wiedervereinigung innerhalb kurzer Zeit rund 70 Prozent meiner Aufträge.
Wir hatten zwei kleine Kinder, gerade ein Haus gekauft und erhebliche finanzielle Verpflichtungen. Ich arbeitete bis zur Erschöpfung und bemühte mich um neue Aufträge.
Das war keine schöne Zeit. Und selbstverständlich hatte ich Angst.
Aber ich hatte eine Überzeugung, die mich bis heute begleitet:

Ich kann mich auf mich verlassen.

Das bedeutet nicht, dass ich für jedes Problem bereits eine Lösung kenne. Aber ich traue mir zu, nach einer Lösung zu suchen und einen Weg zu finden.
Übrigens: Auch meine Jahre im öffentlichen Dienst waren keineswegs verloren. Die dort gewonnenen Erfahrungen in Führung, Organisation und Personalentwicklung waren und sind für mich wertvolle Erfahrungen, von denen ich bis heute profitiere.
Nicht jeder Umweg ist ein Irrweg.

Wenn das Leben andere Pläne hat

Natürlich lässt sich nicht alles durch eigene Entscheidungen verändern.
Schwere Erkrankungen und gesundheitliche Einschränkungen haben mir das ebenso deutlich gezeigt wie andere schmerzhafte Erfahrungen meines Lebens.
Manches müssen wir annehmen, weil wir es nicht ändern können.
Aber auch dann bleibt die Frage, wie wir damit umgehen.
Was ist mir weiterhin möglich? Was ist mir wirklich wichtig? Und wie möchte ich mein Leben unter den veränderten Bedingungen gestalten?
Ich habe gelernt, dass es wenig Sinn hat, dauerhaft mit dem Leben darüber zu hadern, was es mir zugemutet oder vorenthalten hat.

Das Leben fragt uns nicht, ob wir die Aufgaben wollen, die es uns stellt.

Aber wir können eine Antwort darauf finden.

Was ist mir wirklich wichtig?

Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahrzehnten.
Und sie hat eine zweite Seite:

Was bin ich bereit, dafür zu tun?

Bin ich bereit, mich anzustrengen, auf etwas zu verzichten, Sicherheiten aufzugeben und gegebenenfalls ein Risiko einzugehen?
Auch mit der Möglichkeit, dass mein Vorhaben misslingt?
Denn für unsere Entscheidungen gibt es keinen Garantieanspruch.
Ich bin überzeugt: Wir müssen nicht unser Leben lang das bleiben, was andere einmal aus uns machen wollten. Wir können unser Leben selbst in die Hand nehmen und ihm eine neue Richtung geben.
Dabei müssen wir nicht sämtliche versäumten Möglichkeiten nachholen. Und schon gar nicht einem vermeintlich idealen Lebensweg nachtrauern, von dem niemand weiß, wie er tatsächlich verlaufen wäre.
Wichtiger ist, rechtzeitig zu erkennen, welche Möglichkeiten wir heute haben.

Denn solange wir zwischen Alternativen wählen können, können wir entscheiden. Warten wir zu lange, entscheiden möglicherweise die Umstände für uns.

Was das für meine Arbeit mit Menschen bedeutet

Seit über 40 Jahren begleite ich Menschen auf der Grundlage der Individualpsychologie.
Dabei bringe ich nicht nur meine fachliche Kompetenz ein, sondern auch meine persönlichen Erfahrungen mit Verantwortung, Entscheidungen, Risiken, Erfolgen, Enttäuschungen und den Grenzen unserer Gestaltungsmöglichkeiten.
Ich weiß aus eigenem Erleben, dass weitreichende Entscheidungen Mut verlangen. Dass sich nicht alles planen lässt. Und dass auch schwierige Erfahrungen wertvoll werden können, wenn wir verstehen, was sie uns gelehrt haben.

In meinen Südtiroler Bewusstseinstagen, den Südtiroler Orientierungstagen und meiner Einzelberatung in der LebensWirkstatt geht es deshalb nicht darum, Menschen vorzugeben, wie sie leben sollen.

Es geht darum, sie zu unterstützen, sich selbst besser zu verstehen, ihre eigenen Möglichkeiten zu erkennen und auf der Grundlage sorgfältiger Abwägungen selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen – nicht aus blinder Gefolgschaft gegenüber vermeintlichen Lebensträumen, sondern im Bewusstsein der damit verbundenen Chancen, Risiken und Konsequenzen.
Wenn ich heute auf meinen Lebensweg zurückblicke, mit allem, was gelungen ist, was schwierig war und was anders kam als erhofft, kann ich sagen:

Ich würde es wieder tun.

Und wenn meine Erfahrungen auch nur einen Menschen ermutigen, nicht länger dem nachzutrauern, was aus ihm hätte werden können, sondern zu entdecken, was er aus seinem Leben noch machen kann, dann hat es sich gelohnt, diese Geschichte zu erzählen.

Meine Leidenschaften

Biokybernetik – die Faszination des vernetzten Denkens

Foto: Rudolf Meindl I Keschtnweg (Kastanienweg), Eisacktal
zwischen Feldthurns und Säben
Blick auf die Dolomiten-Gruppe Rosengarten
„Wenn man davor steht, wird man demütig.

Schon als junger Mann hat mich eine Frage nie losgelassen: Wie hängt eigentlich alles mit allem zusammen? Eine Antwort fand ich in der Biokybernetik und im vernetzten Denken von Prof. Dr. Frederic Vester.

Seit 1982, als ich in einer Versicherungsgesellschaft für Organisationsentwicklung zuständig war, beschäftige ich mich intensiv mit seinen Erkenntnissen. Besonders geprägt hat mich sein Ansatz, komplexe Probleme nicht eindimensional und monokausal zu betrachten, sondern die Wechselwirkungen eines Systems in Entscheidungen einzubeziehen. Genau dieses Denken habe ich seitdem immer wieder bei strategischen Entscheidungen in Unternehmen angewandt – nicht immer zur Freude der Beteiligten, denn Vernetzung macht die tatsächliche Komplexität sichtbar und nimmt uns die beruhigende Illusion einfacher Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.

Zwei von Vesters acht Grundregeln der Biokybernetik wurden für meine Arbeit besonders wichtig: Die Funktion eines Systems muss unabhängig vom quantitativen Wachstum sein, und ein System muss funktionsorientiert statt produktorientiert arbeiten. Für Unternehmen heißt das: nicht nur zu fragen, wie wir von dem, was wir heute tun, immer noch mehr machen können, sondern welche Funktion wir eigentlich erfüllen und welche Lösungen Menschen künftig brauchen. Vester machte das schon damals an der Automobilindustrie deutlich: Nicht das Auto ist die eigentliche Funktion, sondern die Lösung von Verkehrs- und Mobilitätsbedürfnissen.

Diese Gedanken flossen später auch in meine Arbeit mit fraktalen Organisationsstrukturen ein: weitgehend selbstorganisierende Einheiten statt ausschließlich hierarchischer Steuerung von oben. Solche Organisationsformen habe ich in mehreren Unternehmen eingeführt und darüber bereits in den 1990er-Jahren im Springer-Handbuch „Neue Organisationsformen im Unternehmen“ von Hans-Jörg Bullinger und Hans Jürgen Warnecke geschrieben.

Eine besondere Nähe sehe ich zur Individualpsychologie Alfred Adlers. Adler verstand den Menschen als unteilbare Ganzheit, als „Körper-Seele-Geist-Wesen“. Körperliches, seelisches und geistiges Geschehen können nicht isoliert voneinander verstanden werden. Ebenso wenig lässt sich ein Mensch mit seinem Verhalten, seinen Konflikten oder Krisen losgelöst von seinen Beziehungen und seinem Lebenszusammenhang verstehen.

Ein kybernetisches Gesetz Vesters beschäftigt mich dabei bis heute: das „Gesetz vom Ausscheiden störender Teilsysteme“. Teilsysteme, die wesentliche Grundregeln verletzen und das Gesamtsystem gefährden, scheiden letztlich selbst aus dem Lebensprozess aus. Für mich hat sich dieser Gedanke über die Jahrzehnte in einem einfachen Satz verdichtet:

Supersysteme entledigen sich störender Subsysteme.

Und damit sind wir beim Umweltschutz. Wir Menschen sind Teil des Supersystems Natur – nicht seine Herrscher. Wenn wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören, gefährden wir nicht die Existenz der Natur, sondern unsere eigene.

Politische und wirtschaftliche Regeln können wir verändern. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur können wir nicht außer Kraft setzen.

Mir geht es deshalb vor allem um unsere Kinder und Enkelkinder: dass wir ihnen eine lebensfähige Welt hinterlassen. Und ich versuche, diese Haltung auch selbst zu leben – mit Photovoltaik, elektrischem Fahren und inzwischen einer Wärmepumpe statt Ölheizung.

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Mein aktives Musikleben

St. Paul, München
direkt neben der Theresienwiese
erbaut 1892-1906 im
neugotischen Baustil
Foto: Rudolf Meindl I Päpstliche Basilika St. Anna, Altötting
erbaut 1910-1912 im
neobarocken Stil, eines der größten
Kirchenbauwerke im 20. Jahrhundert

Foto: Rudolf Meindl I Große Marienorgel der Basilika St. Anna, Altötting,
86 Register, 5 Manuale, zählt zu den größten Kirchenorgeln in
Deutschland
Foto: Rudolf Meindl I Blick von der Empore – wo ich im Chor singe auf Kirchenschiff und Hochaltar der Päpstlichen Basilika St. Anna in Altötting, 83 Meter lang, 27 Meter breit, 24 Meter hoch, Platz für bis zu 8.000 Personen

Genau genommen hätte ich mir drei Berufe vorstellen können: Psychologe/Pädagoge oder Musiker/Künstler – Opernsänger, später vielleicht sogar Operndirigent. Meine Gesangslehrerin Wiltrud Baumgartner, bei der ich von 1979 bis 1982 Stimm- und Gesangsunterricht hatte (u. a. auch Lehrerin von Ingrid Capelle und Katharina Bihler, die 2008 gemeinsam mit Stefan Scheib den Deutschen Hörspielpreis der ARD erhielt), wollte mich 1981 ins Sängerfach holen, so überzeugt war sie von meiner Stimme. Am Ende wurde die Individualpsychologie zu meinem Beruf – und die Musik zu meinem tiefsten Lebensbegleiter.

Drei musikalische Wünsche haben mich mein Leben lang begleitet: Gesang, Gitarre und Klavier. Alle drei habe ich realisiert – wenn auch den letzten erst im Alter. Und das ist vielleicht das Schönste daran. Drei Jahre klassische Gitarre gehören ebenso dazu wie der Klavierunterricht – seit 2026 bei der Pianistin und Musikpädagogin Brigitte von Velasco in München.

25 Jahre war ich Sänger in Münchner Kirchenchören, viele Jahre davon auch als Bass-Solist. Meine musikalischen Wurzeln liegen in St. Sebastian in München-Schwabing, wo ich ab 1966 Chormitglied war und ab 1972 meine ersten Solopartien als Bass sang. Als mein dortiger Dirigent und Freund Herbert Zehm später in die Münchner Innenstadtkirche St. Paul wechselte, folgte ich ihm – und sang dort elf Jahre, unter anderem als Bass-Solist in zahlreichen Werken der klassischen Kirchenmusik von Haydn, Mozart, Beethoven, Rheinberger, Schubert, Händel und vielen anderen.

Ein besonderes musikalisches Erlebnis waren für mich die Aufführungen der „Cäcilienmesse“ von Charles Gounod als Bass-Solist, gemeinsam mit Musikern des Staatstheaters am Gärtnerplatz München.

Parallel dazu war ich einige Jahre Mitglied im Chor der Pfarrei Maria Schutz in München-Pasing unter der Leitung von Kurt Rieth, der in der Münchner Kirchenmusikszene einen ausgezeichneten Ruf genoss. Unter seiner Leitung sang ich unter anderem die „Messa di Gloria“ von Giacomo Puccini – ein anspruchsvolles, groß dimensioniertes Werk, in dem bereits vieles von dem aufscheint, was später den Opernkomponisten Puccini auszeichnet: große melodische Bögen, Dramatik und eine unmittelbar emotionale Musiksprache. Manche Passagen begleiten mich bis heute wie ein Ohrwurm – typisch Puccini eben.

Dann wurde es musikalisch still. Beruf und andere Aufgaben rückten in den Vordergrund, und es folgte eine 35-jährige Pause von der aktiven Musik.

Seit 2026 bin ich wieder in der Kirchenmusik aktiv – im Kapellchor der Wallfahrt Altötting, dessen musikalische Tradition urkundlich bis ins Jahr 1490 zurückreicht. Gemeinsam mit dem Kapellorchester gestaltet der Chor regelmäßig Orchestermessen in der Päpstlichen Basilika St. Anna. Seit Juli 2020 leitet Stiftskapellmeister Stephan Thinnes Chor und Orchester.

2026 markiert für mich eine musikalische Rückkehr auf gleich zwei Ebenen: zurück in den Kirchenchor – und endlich ans Klavier. Beides zusammen schließt einen Kreis: die Rückkehr zu dem, was mich seit meinen frühen Jahren musikalisch am tiefsten bewegt und begeistert.

„Wer singt, betet doppelt.“
– zugeschrieben dem Hl. Augustinus

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Meine Liebe zur Oper und klassischen Musik

Foto: Rudolf Meindl I Die Bayerische Staatsoper München, das Nationaltheater

Mit 16 Jahren besuchte ich zum ersten Mal die Bayerische Staatsoper in München – ein Glücksfall, dass ausgerechnet meine Heimatstadt eines der führenden Opernhäuser der Welt hat. Was als jugendliche Neugier begann, wurde zu einer lebenslangen Leidenschaft: In meiner Jugend war ich 60 bis 80 Mal im Jahr in der Oper. Bis heute besuche ich regelmäßig die Bayerische Staatsoper, oft auch die Wiener Staatsoper, und war in Meiningen, Leipzig, Berlin, Dresden, Köln und Hamburg zu Gast. Gerne besuche ich auch die Bayreuther Festspiele – sofern ich Karten bekomme.

Meine Lieblingskomponisten sind Richard Wagner und, ganz besonders, Richard Strauss, der meines Erachtens Wagner weiterentwickelt hat. Strauss ist ein Komponist, der Gefühle wie kaum ein anderer in Musik auszudrücken vermag. Zu meinen liebsten Werken zählen „Der Rosenkavalier“ und „Die Frau ohne Schatten“ sowie viele seiner Tondichtungen. Bei Wagner sind es „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Parsifal“, „Der Ring des Nibelungen“ und „Tristan und Isolde“.

Zu meinen unvergesslichen Opernerlebnissen gehören die vielen Aufführungen des „Rosenkavaliers“ an der Bayerischen Staatsoper in der einzigartigen und unvergesslichen Inszenierung von Otto Schenk. Ich durfte Brigitte Fassbaender als Octavian erleben, auch gemeinsam mit Gwyneth Jones als Marschallin und dem unvergleichlichen Carlos Kleiber am Dirigentenpult. Das waren Sternstunden der Oper, an die ich mich bis heute mit großer Freude erinnere.

Umso mehr hat es mich gefreut, als Brigitte Fassbaender kürzlich anlässlich der Auszeichnung für ihr Lebenswerk darauf hinwies, wie sehr sich Texte aus dem „Rosenkavalier“ im wirklichen Leben bewahrheiten können. Sie nannte unter anderem den Ausspruch des Ochs von Lerchenau: „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus!“

Was für ein wunderbarer Satz! Und wie schön, wenn man sich diese Fähigkeit bewahrt, auch nach vielen Jahrzehnten Lebenserfahrung: immer wieder staunen zu können – über andere Menschen, über das Leben und nicht zuletzt über sich selbst.

Der Rosenkavalier – eine individualpsychologische Betrachtung

Auch mir begegnen im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss bis heute ständig Szenen und Sätze, die sich erstaunlich gut auf das wirkliche Leben übertragen lassen – auf das meiner Klienten ebenso wie auf mein eigenes. Manches wirkt dabei geradezu wie eine Karikatur menschlicher Verhaltensweisen: die Heuchelei und Trickserei des Ochs von Lerchenau, live und ungespielt im Alltag; sein „Kost’ sicher hier ein Martergeld!“, wenn es ans Bezahlen geht, und gleich darauf: „Er ist ein feiner Kerl, wann er mir hilft, die Rechnung runter drücken.“ Solche Szenen kommen einem aus dem wirklichen Leben erstaunlich bekannt vor.

Und dann die Marschallin: Sie weiß um die Vergänglichkeit, ahnt lange voraus, dass sie Octavian eines Tages verlieren wird, und erlebt schließlich genau diesen Augenblick. Sie hält ihn nicht fest, sondern erkennt und akzeptiert, was nicht mehr zu ändern ist: „Ist halt vorbei!“

Wer genau hinhört, begegnet im „Rosenkavalier“ beinahe dem ganzen menschlichen Leben: Liebe und Begehren, Eitelkeit und Selbsttäuschung, Vergänglichkeit und Verlust, aber auch Würde, Verzicht und die Fähigkeit loszulassen. Und natürlich einer Fülle menschlicher Schwächen, die ich im wirklichen Leben immer wieder entdecke – bei anderen ebenso wie bei mir selbst – und die mich nicht selten schmunzeln lassen.

Und diese Oper ist so unglaublich lebensnah – nicht nur für die Zeit der Habsburgermonarchie, in der sie spielt, sondern ebenso für unsere Gegenwart. Sie ist zutiefst berührend, gefühlvoll, wehmütig und liebevoll, dann wieder lustig, ironisch, zynisch und voller Schwung. Richard Strauss gelingt es auf einzigartige Weise, all diese menschlichen Empfindungen musikalisch zum Ausdruck zu bringen.

Besonders herrlich finde ich den Abgang des Ochs von Lerchenau im dritten Akt. Seine Tricksereien sind aufgeflogen, seine Pläne gescheitert, er ist vor aller Augen bloßgestellt. Und was macht er? Er ruft seinem Kammerdiener zu: „Leopold, mir gänga!“ Und zieht zu seinem beschwingten Walzer von dannen.

Ist das nicht wunderbar lebensnah? Wie oft erleben wir es auch im wirklichen Leben, dass Menschen, deren Spiel durchschaut wurde, einfach die Bühne verlassen – möglichst mit erhobenem Haupt, als hätten sie selbst entschieden, wann die Vorstellung zu Ende ist.

Und während Ochs abtritt, geht das Leben weiter. Für die Marschallin mit dem schmerzlichen Loslassen, für Octavian und Sophie mit einer neuen Liebe. Auch das ist das Leben.

Von der großen Oper zur Individualpsychologie

Was mich an der Oper seit Jahrzehnten fasziniert, ist nicht allein die Musik. Es sind die Menschen, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihre Eitelkeiten, ihre Irrtümer und ihre Versuche, das Leben zu bewältigen. Die Oper bringt all das auf die Bühne, was uns auch im wirklichen Leben begegnet.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass ich auch bei der Gestaltung meiner Südtiroler Bewusstseinstage eine Verbindung zur Oper gefunden habe. Ich bezeichne sie als „Die große Oper der Individualpsychologie“. Bei ihrer Konzeption orientierte ich mich – damals eher unbewusst und intuitiv, heute sehr bewusst – an Wagners Tetralogie des „Rings“.

Wie in einer großen Oper geht es auch bei den Südtiroler Bewusstseinstagen um das menschliche Leben in seiner ganzen Vielfalt. Allerdings stehen hier keine Opernfiguren auf der Bühne, sondern die Menschen selbst – mit ihrer Lebensgeschichte, ihren Überzeugungen, ihren Beziehungen und ihren Möglichkeiten, das eigene Leben bewusster zu gestalten.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie ich die Individualpsychologie in diesem besonderen Seminarformat erlebbar mache, findet hier einen Einblick in die „Große Oper der Individualpsychologie“.

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Die große Oper der Individualpsychologie

Foto: Rudolf Meindl I Staatsoper München

Unser Leben erzählt eine Geschichte. Sie hat einen Anfang, ein Ende und folgt einer ganz persönlichen Dramaturgie. Doch vielen Menschen bleibt diese Dramaturgie verborgen. Sie wissen nicht, dass es sie gibt – und wie sehr sie selbst daran mitwirken.

„Jeder ist der Dramaturg seines Lustspiels oder Dramas.“

Dieser Gedanke begleitet mich seit vielen Jahren. Er beschreibt für mich einen wesentlichen Kern der Individualpsychologie: zu verstehen, welcher inneren Logik und damit Dramaturgie unser Denken, Fühlen und Handeln folgt – und wie wir danach unser Leben gestalten.

Deshalb habe ich die Südtiroler Bewusstseinstage als „Große Oper der Individualpsychologie“ inszeniert – als Tetralogie, die den Blick auf die Dramaturgie unseres Lebens eröffnet.

Ich lade Sie ein, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen.

Die Südtiroler Bewusstseinstage:
als Tetralogie – dirigiert & inszeniert von Rudolf Meindl.
Ein künstlerischer Zugang. Ein innerer Raum. Ein Impuls zur Auseinandersetzung.

Zur Inszenierung „Die große Oper der Individualpsychologie“

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